Straßenkreuz

Straßenkreuze: Orte der Trauer, der Mahnung und Erinnerung

Wenn ich mit meinem Fahrrad über die Landstraßen fahre, begegnen mir nicht selten Straßenkreuze am Rande des Weges. Die Schicksale, die hinter diesen Kreuzen stehen, kann man nur erahnen. Die Geburts- und Todesdaten auf den Kreuzen zeigen, dass es häufig junge Menschen waren, die durch einen Unfall zu Tode gekommen sind. Die ersten Menschen, die am Unfallort erscheinen, sind in der Regel Fremde. Helfer, die zufällig am gleichen Ort waren, Rettungssanitäter, Notärzte und Polizeibeamte werden mit dem unvorhergesehenen Tod konfrontiert. Später werden die Angehörigen durch die Polizei und Notfallseelsorger informiert.

Das Geschehene ist für die Angehörigen zunächst erschreckend und löst oft eine heftige Trauerreaktion aus. Der plötzliche Tod aus dem vollen Leben heraus erscheint unbegreiflich und Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit werden schmerzlich erfahren.

Die professionellen Helfer haben diese Situationen häufig erlebt und vom Ablauf her trainiert. Für sie ist die Konfrontation mit dem plötzlichen Tod junger Menschen trotz aller Professionalität emotional belastend. Psychologische Helfer und Seelsorger stehen ihnen zur Seite, um mit solche Situationen auf Dauer umgehen zu können, ohne seelischen Schaden zu nehmen.

Straßenkreuze werden meist erst später nach der Beerdigung und nach Erledigung der notwendigen Formalitäten am Straßenrand durch die Zurückgebliebenen aufgestellt. Für Angehörige und Freunde ist es wichtig, den Ort zu besuchen, an dem der Verstorbene die letzten Momente seines Lebens zugebracht hat. Dadurch fühlen sich Angehörige dem Verstorbenen, dem sie im Augenblick des Todes nicht beistehen konnten, verbunden. In diesem Zusammenhang sind Informationen von Unfallbeteiligten und Ersthelfern wichtig, um zu Begreifen was dort passiert ist. Straßenkreuze werden zu einem Ort der öffentlichen Trauer und zu einem Versuch, sich dem Unbegreiflichen zu nähern. Der Sterbeort wird oft nach Jahren noch besucht. Dies ist erkennbar an der Pflege dieser Orte und der Ausschmückung. Blumen, Kerzen, Bilder mit Sinnsprüchen dienen als Zeichen der Trauer und des Erinnerns wie auch Fotos der Verstorbenen, Plüschtiere und Fan-Schals.

Straßenkreuze

Ursprünglich ist das Kreuz ein christliches Symbol. Seit jeher wurden solche Mahnmale zum Gedenken an einen plötzlichen Tod in Form von Bilderstöcken oder Wegkreuzen errichtet. Sie waren Zeichen für Gelübde in Katastrophen und Kriegen, Orte des Gebets und der Besinnung. Nicht alle, die sich heute dieses Symbols bedienen, teilen diesen religiösen Hintergrund. Da, wo in einer säkularisierten Welt neue tröstende und sinnspendende Symbole fehlen, erfolgt der Rückgriff auf bekannte Formen. Das Kreuz wird für religiös nicht gebundene Menschen zum allgemeinen Sinnbild des Todes und des Schreckens.

Der Unfallort wird durch das Kreuz zum Ort der Mahnung. Die Unfallstatistiken weisen in den letzten Jahren rückläufige Zahlen von Verkehrstoten auf. Bestimmte Charakteristiken finden sich aber in den Unfallstatistiken, die für diese Unfallopfer typisch sind. Es sind häufig junge Männer, die hier ihr Leben verlieren. Die Unfälle passieren oft nachts und in der Freizeit. Drogen, Alkohol und Übermüdung sind ursächlich beteiligt. Der Begriff des Disco-Unfalls wird in diesem Zusammenhang genannt. Autofahrer, Beifahrer, Radfahrer und Fußgänger werden zu Opfern. Wenn der Tod eines geliebten Menschen als sinnlos empfunden wird, kann er zumindest als Mahnung für andere eine Bedeutung bekommen.

StraßenkreuzeIn diesem Zusammenhang hat die Fachhochschule der Polizei des Landes Sachsen-Anhalt hat im Oktober 2003 ein Projekt „Straßenkreuze – Unorte des Sterbens“ evaluiert. Eine Ausstellung konfrontierte Jugendliche mit dem Thema. Die Untersucher befragten die Besucher bezüglich der Änderung von Einstellungen durch den Besuch der Ausstellung. Themen der Interviews bezogen sich auf Risiken und Alkoholkonsum im Straßenverkehr. Es zeigte sich, dass die Ausstellungsbesucher andere Einstellungen zum Straßenverkehr aufweisen als Schüler, die die Ausstellung nicht gesehen hatten. Die Besucher zeigten ein deutlich höheres Problembewusstsein bezüglich der Gefahren im Straßenverkehrs. Ob die Wahrnehmung einzelner Straßenkreuze im täglichen Straßenverkehr ähnliche Verhaltensänderungen bewirken, bleibt offen.

Offiziell gelten die Straßenränder als „Anbauverbotszonen an Verkehrswegen“. Die Rechtslage ist eindeutig, das Aufstellen der Kreuze ohne Genehmigung in der Regel nicht zulässig. Die zuständigen Verkehrsämter und die Polizei dulden diese Mahnmale über längere Zeiträume und belassen sie an ihrem Ort. In einem besonderen Fall sollte ein Unfallkreuze, das einer Erweiterung der Straße im Weg stand, im Einvernehmen mit den Angehörigen und den Behörden nicht entfernt sondern an den neuen Straßenrand versetzt werden. Sie dürfen keine Behinderung des Straßenverkehrs und keine große Ablenkung der Verkehrsteilnehmer hervorrufen. Gründe der Pietät und der Prävention sprechen für die Duldung von offizieller Seite. So verbleiben die Straßenkreuze oft jahrelang an Ort und Stelle.

Straßenkreuze

 

Weitere Informationen:

Christine Aka, Unfallkreuze. Trauerorte am Staßenrand. Waxmann 2007

Straßenkreuz darf an der L39 bleiben

Duldung von Strassenkreuzen

Bericht zur Evaluation des Projektes „Straßenkreuze – Unorte des Sterbens“

 

Bildnachweis: eigene Aufnahmen aus dem Kreis Gütersloh

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