Hoffnung finden im Leiden

Das Bild der Madonna von Stalingrad habe ich zum ersten Mal bewusst wahrgenommen in einem Vortrag von Stein Husebö, dem norwegischen Palliativmediziner, der schon einige Male bei uns in Gütersloh zu Gast war. Das Original ist in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisstätte in Berlin ausgestellt.

Es ist ein Bild Kurt Reubers, der es im Dezember 1942, eingeschlossen im Kessel von Stalingrad, auf die Rückseite einer russischen Landkarte zeichnete. Kurt Reuber, geboren am 26. Mai 1906 in Kassel geboren, war Arzt, Theologe und Künstler. Während seiner Studienzeit kam es zu einer einschneidenden Begegnung mit Albert Schweitzer, der ihm half, den bis dahin von ihm empfundenen Zwiespalt zwischen Medizin und Theologie zu überwinden.

Bei der Betrachtung des Bildes scheinen zunächst die dunklen Anteile dieses Bild zu prägen scheinen. Aber wo starke Schatten sind, da ist auch Licht. Es beleuchtet die starke, in sich geschlossen wirkende Figur der Madonna mit ihrem Kind.

Das Symbol der Geschlossenheit stellt in diesem Bild auf doppelte Art und Weise dar:

Zum einen das Eingeschlossen sein im Kessel von Stalingrad, mit all seiner Grausamkeit, Härte und Hoffnungslosigkeit, mit Hunger Kälte und Tod. Zum anderen aber das Bild der Mutter, der Madonna, die Ihr Kind einhüllt in einen wärmenden schützenden Mantel. Schutz, Sicherheit und Geborgenheit ist in diesem Ursymbol zu verspüren, und auf den zweiten Blick erkennt man das Licht, das schräg von oben einfällt und den Kopf des Kindes und das Gesicht der Mutter erleuchtet: eingerahmt von den Worten aus dem Johannesevangelium Licht, Leben, Liebe.

Ähnlich mögen es auch die Soldaten 1942 erlebt haben, wie wir den Briefen Kurt Reubers an seine Frau und seine Kinder entnehmen können. So schreibt er in einem Brief:

Wir wollen nicht von der Zukunft reden, ich kann es nicht. Und doch, ich weiß nicht, woher mir die tragenden Kräfte kommen, an jedem Tag glaubend, hoffend und mit gewisser Zuversicht zu leben.

Aber an einer anderen Stelle heißt es:

Und dann habe ich mich entschlossen, dem Unglück einen Sinn zu geben.

Und er beginnt zu zeichnen.

Ich arbeite dann so hingegeben, dass ich fast alles um mich herum vergesse, ja kaum mehr den Kampflärm höre. Ich bin dann beinahe glücklich.

In weiteren Briefen beschreibt er das Entstehen der Zeichnung und die Aufnahme des Bildes durch seine Kameraden:

Als ich nach altem Brauch die Weihnachtstür, die Lattentür unseres Bunkers, öffnete und die Kameraden eintraten, standen sie wie gebannt, andächtig und ergriffen schweigend, vor dem Bild an der Lehmwand, unter dem auf einem in die Lehmwand eingerammten Holzscheit ein Licht brannte.

Die ganze Feier stand unter der Wirkung des Bildes, und gedankenvoll lasen sie die Worte: Licht, Leben, Liebe.

StalingradmadonnaDurch den Weg nach innen öffnet sich die neue Perspektive, die Offenheit schafft für die Wahrnehmung von Licht, Leben, Liebe, von Geborgenheit und Sicherheit, für das Urbild der Einheit: Mutter und Kind.

Nicht die hoffnungslose Situation des Kessels und die Ausweglosigkeit steht mehr im Vordergrund sondern jetzt wird in der starken dunklen Linie der einhüllende und schützende Mantel sichtbar, der die Einheit der Mutter- Kindfigur betont. Geborgenheit und Frieden wird so erfahrbar und Hoffnung kann auch in dieser schweren Situation sein.

Im Erleben von Krankheit und Leiden, von Sterben und Tod gibt es viele Momente der Schwere und der Finsternis. Wie tröstlich kann es sein, wenn wir in der Begleitung ein Stück dieses Weges gemeinsam gehen, die Dunkelheit teilen können, wie es Sheila Cassidy in einem ihrer Bücher formuliert hat.

Wie beglückend empfinden wir es, wenn hin und wieder der Weg aus der Dunkelheit heraus das Licht erahnen lässt, das Hoffnung gibt.

Oft verbinden wir Hoffnung mit Zielen, an die sich unsere Hoffnung knüpft, die aber im Fortschreiten einer schweren Krankheit immer wieder enttäuscht wird. Eine Hoffnung, die trägt, können wir mit den Menschen, die wir begleiten dürfen, letztlich nur auf einer anderen Ebene erfahren. Sie erfordert die Hingabe und den Weg nach innen.

Eine junge Patientin hat mir einmal am Ende ihres Lebens gesagt:

Meine Hoffnung hatte früher immer wieder neue Ziele. Jetzt braucht meine Hoffnung kein Ziel mehr. Sie kann auch nicht mehr enttäuscht werden.

Und mir ist in diesem Gespräch deutlich geworden, dass diese Form der Hoffnung mit Worten nicht fassbar, sondern nur erfahrbar ist. Sie kann deutlicher in Bildern als in Gedanken begreifbar werden.
Sie kann letztlich nur gelebt, erlebt werden.

 

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