Warte nicht!

Ein weiteres Prinzip, dass Frank Ostaseski in seinen Kursen vermittelt, lautet schlicht: „Warte nicht“. Das Leben in jedem einzelnen Augenblick zu leben, präsent zu sein und nicht auf bessere Zeiten zu warten, damit das, was ich mir von meinem Leben erhoffe, dann vielleicht Wirklichkeit werden kann, ist hier in diesen beiden Worten formuliert. Aber ist das wirklich so einfach?

In unseren Begleitungen erleben wir häufig genau das Gegenteil. Viele Menschen sind intensiv damit beschäftigt, ihr Leben zu planen und in den Griff zu bekommen. Manchmal merken sie nicht, wie dadurch ihr Leben ungelebt vorübergeht. Wir haben hierfür in unserem Team den Begriff der „Wenn-dann-Biografie“ geprägt.

  • Wenn die Kinder erst mal groß sind,
  • wenn das Haus endlich abbezahlt ist,
  • wenn die Kinder fertig sind mit ihren Ausbildungen,
  • spätestens, wenn wir endlich in Rente gehen können,

dann soll das richtige Leben beginnen. Und nicht selten erfahren wir, wie dieses Vorstellungen durch eine schwere Krankheit durchkreuzt werden. Und die Träume vom wirklichen Leben, das in der Zukunft erst noch kommen soll, sind von heute auf morgen dahin. John Lennon hat dies in seinem Lied „Beautiful Boy“, das eine Liebeserklärung an seinen Sohn Sean darstellt, in einer Zeile sehr schön beschrieben:

„Leben ist, was passiert, während du dabei bist,
andere Pläne zu machen.“

John Lennon

Die Konfrontation mit einer schweren Erkrankung kann den Anstoß geben, bisherige Einstellung zum Leben zu überdenken. Die Vergangenheit kann nicht mehr herbei geholt werden, die Zukunft ist offen und ungewiss, nur der Augenblick ist das, was zählt. Und wer sich auf den Augenblick einlässt, kann noch einmal Leben in seiner ganzen Vielfalt erfahren.

Das Leben im Augenblick schließt die Erfahrung von Leid und Schmerz nicht aus. In der letzten Phase des Lebens, wenn alles geklärt ist, nichts mehr geschehen muss, nur noch da sein zählt, ist das „Warte nicht“ manchmal eine schwere Aufgabe. Menschen, die auf ihren Tod warten, weil für sie ein Leben ohne Zukunft keinen Sinn ergibt, haben es in dieser Zeit nicht leicht. Das Warten auf den Tod kann dann für alle Beteiligten zur sinnlosen Qual werden.

„Wenn Leben überhaupt einen Sinn hat, muss auch Leiden einen Sinn haben.
Es kommt nicht darauf an, was man leidet, sondern wie man es auf sich nimmt.“

Viktor Frankl

Wenn Leben in jedem Augenblick stattfindet, ist jeder Augenblicklich wichtig und wertvoll. Dann kann Leben bis zuletzt, Augenblick für Augenblick, sinnvoll und lebenswert sein. Das Entscheidende ist nicht, was das Leben mit mir vor hat, mir angetan hat, sondern wie ich mich zu diesem, meinem einzigartigen und unwiederbringlichen Leben einstelle. Und das in jedem Moment aus Neue.

Für uns  Begleiter stellt sich dann manchmal die Frage: Müssen wir erst schwer krank werden, um zu dieser Einsicht zu kommen? Oder können wir uns nicht schon in gesunden Zeiten auf diesen Weg einlassen? Wer sollte uns davon abhalten?

 

 

Weitere Informationen:

Metta Institut – Frank Ostaseski

 

Bildnachweis: © sakura – Fotolia.com

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