… liebevoll nein sagen


„Erinnere mich daran, dass das Herz oft gegen den Verstand streikt.
Schick mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat,
mir die Wahrheit in Liebe zu sagen.“

Antoine de Saint-Exupéry, Die Stadt in der Wüste. 1956

 

  • Wenn ich mit Patienten in der Klinik oder Gästen im Hospiz über nicht mehr sinnvolle Maßnahmen rede und dabei Hoffnungen, die nicht mehr tragen können, verloren gehen,
  • wenn ich Angehörigen, die meine Worte nicht hören wollen, darauf vorbereiten muss, dass sie einen geliebten Menschen verlieren werden,
  • wenn ich mit Kollegen über unsinnige und belastende Diagnostik und Therapie streiten muss,
  • wenn die Anforderungen der Ökonomie und Bürokratie an Medizin und Pflege eine gute und umfassende Versorgung von schwer Kranken und Sterbenden immer weiter einschränken,…

dann merke ich, das Hospizarbeit und Palliative Care auch bedeutet, im (hoffentlich) richtigen Augenblick immer wieder liebevoll Nein zu sagen.

Als mitfühlende Begleiter spüren auch wir in uns den Schmerz. In dieser Situation ist dies das einzige, was wir anbieten können: da zu sein und all das Schwere gemeinsam zu tragen. Jedes mitleidige „ vielleicht…, mal sehen…, ich kann ja meine Kollegen noch mal fragen, ob…“ hilft nur dem Begleiter, der sich dadurch kurzfristig der Situation entziehen will und auf Distanz geht. Es verstärkt dadurch den Schmerz und nimmt Vertrauen. Ein liebevolles aber klares Nein ermöglicht die notwendige Neubesinnung, noch einmal hin zu schauen, was jetzt wirklich wichtig ist und was letztendlich zurückgelassen werden kann und muss. Es ist der Weg durch die Hoffnungslosigkeit, durch die dunkle Nacht (Johannes vom Kreuz), der gegangen werden muss, um ein Fünkchen Licht noch einmal scheinen zu lassen.

Auf der institutionellen Ebene müssen Hospizler und Palliative-Care-Engangierte zur Zeit sehr viel erdulden. In einer zunehmend bürokratisierten und ökonomisierten Medizinwelt rangiert der sterbende Mensch trotz aller Lippenbekenntnisse oft weit hinten auf der Prioritätenliste. Manchmal sehen wir kaum Spielräume für notwendige Veränderungen. Aber wenn wir das nicht aushalten, nicht tragen können, werden wir dann gegenüber unseren Patienten oder unseren Gästen im Hospiz glaubwürdige Begleiter sein? Wie schwer das ist, erlebe ich persönlich zur Zeit ganz deutlich. Der Blick auf das Leiden meiner Patienten hilft mir, das Mass und den Abstand zu finden, um in Demut und Hochachtung vor meinen Patienten immer wieder die Kraft zu spüren, mit diesen Hindernissen umzugehen und unmenschliche Tendenzen in unserem Gesundheitssystem nicht sprachlos hinzunehmen.

Und so nehme ich mir heute wieder vor, nicht zu resignieren und auch für mich das Fünkchen Hoffnung aufrecht zu halten, so wie es Erich Fried in seinem Gedicht „Bevor ich sterbe“ beschreibt:

Noch einmal sprechen
vom Glück der Hoffnung auf Glück
damit doch einige fragen:
Was war das
wann kommt es wieder?

Und so bleibe ich dabei: es gibt Situationen, in denen beharrliches, liebevolles nein sagen hilft, die hospizliche Grundhaltung zu bewahren.

Schreibe einen Kommentar