Heiße alles willkommen, weise nichts zurück!

Vor einigen Jahren hatte ich die Gelegenheit, an einem Workshop mit Frank Ostaseski teilzunehmen. Frank Ostaseski war Mitbegründer des Zen Hospice in San Francisco, das sich nach seiner Gründung 1987 zunächst vorwiegend um AIDS-Patienten kümmerte. Aus diesen Erfahrungen heraus entwickelte er fünf Grundsätze der Hospizarbeit und eines dieser Prinzipien hat mich seit dem Workshop immer wieder beschäftigt.

Zu Beginn meiner Tätigkeit als Palliativmediziner betreute ich einen jungen Mann mit einem fortgeschrittenen Magenkarzinom, bei dem es durch Metastasen in der Lunge und in den Knochen zu heftigen Schmerzen und erheblicher Luftnot gekommen war.

Als deutlich wurde, dass er bald sterben würde und wir die Beschwerden trotz aller Medikamente nicht gut lindern konnten, wünschte er sich ein palliative Sedierung, d.h. die Gabe von Medikamenten zur Einschränkung des Bewusstseins, um die Beschwerden nicht weiter erleben zu müssen. Aber mit meiner damaligen Erfahrung brachte auch die Sedierung nicht den gewünschten Erfolg. Trotz reichlicher Medikamentengabe, wurde der Patient immer wieder wach und wollte auf der Bettkante sitzen. Seine Angehörigen sahen unsere Bemühungen, aber auch den ausbleibenden gewünschten Erfolg, so dass die Ehefrau, als ich eine erneute Medikamentengabe verabreichen wollte, fast schon etwas ärgerlich sagte: „Nun lassen Sie es doch, es hilft uns ja doch nicht weiter.“

Ich war frustriert, enttäuscht und fühlte mich inkompetent und schlecht. Kollegen, die ich hätte um Rat fragen können, standen nicht zur Verfügung. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Küche unserer Station, wo ich von einer erfahrenen Krankenschwester getröstet wurde, ging ich wieder ins Zimmer, um zu schauen, wie es dem Patienten inzwischen ging. Der Patient saß wieder auf der Bettkante. Er wurde dabei von seiner Frau und seiner Schwester, die rechts und links an seiner Seite saßen, gestützt. In dieser Situation kümmerten sie sich rührend um ihn, obwohl auch für die beiden die Situation sehr belastend war. Meine gesamte medizinisch-fachliche Kompetenz war auf einmal nicht mehr gefragt. Was zählte war, einfach da zu sein und die Situation mit allen Anwesenden zu tragen. Wir haben uns dann angeboten, die Angehörigen in ihrer stützenden Funktion auf der Bettkante abzulösen und zu entlasten, bis der Patient dann in den Armen seiner Angehörigen verstorben war. Und alle Anwesenden hatten dass Gefühl, es war gut so wie es war.

„Sterben ist nicht vorrangig ein medizinisches Ereignis und wir müssen damit aufhören, es als solches zu behandeln. Es ist vielmehr ein Thema von Beziehungen.“ (Frank Ostaseski)

Willkommen heißen und annehmen was ist – das ist in solchen Situation eine unserer schwierigsten Aufgaben. Ich musste annehmen, dass ich mit meinem medizinischen Latein am Ende war, annehmen, dass mir die Ehefrau dies mit ihren Worten recht deutlich gemacht hatte. Ich musste meine Frustration und Enttäuschung über die nicht gelingende Symptomkontrolle akzeptieren. Nur dadurch konnte ich meinen Blick öffnen und sehen, dass das, was jetzt zählte, eigentlich recht einfach, wenn auch nicht leicht war. Da sein, die nicht erreichbaren Vorstellungen von einem „guten“ Sterben los lassen, das Mögliche tun und vertrauen, dass alles gut wird.

Mit meinen heutigen palliativmedizinschen Kenntnissen würde mir eine ausreichende Sedierung in einer solchen Situation wahrscheinlich gelingen. Hätte ich diese Kenntnisse damals schon gehabt, hätte der Patient die innige Begleitung und die liebevolle Nähe seiner Angehörigen in der letzten Phase seines Lebens nicht erlebt.

Gibt es einen Sinn im Leiden? Was ist gutes Sterben? Fragen, die ich mir in all den Jahren seither immer wieder stelle.

 

 

Weitere Informationen:

Metta Institut – Frank Ostaseski

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