Wie lange noch, Herr Doktor?

Diese Frage wird Ärzte im Verlauf einer Krebserkrankung häufig und in allen Krankheitsstadien immer wieder gestellt. Aber nur selten erhalten Patienten auf diese Frage eine klare Antwort. Die Gründe für dieses Verhalten sind vielfältig. In verschiedenen Untersuchungen hat man versucht, den Ursachen auf die Spur zu kommen. Dabei fanden sich verschiedene Problembereiche, die eine offene Kommunikation bezüglich der Prognose erschweren:

Viele Ärztinnen und Ärzte klagen in der Alltagshektik über zu wenig Zeit für solche Gespräche. Für die  Vermittlung dieser Botschaften brauchen wir aber einen entsprechenden zeitlichen Rahmen und Ruhe. Oft genügt ein einzelnes Gespräch nicht, um sinnvoll auf dieses Thema eingehen zu können. Zeit ist aber eine Ressource, die in unserem Gesundheitssystem immer häufiger durch Rationierung und Ökonomisierung medizinischer und pflegerischer Tätigkeiten drastisch eingeschränkt wird.

Neben institutionellen Grenzen spielen aber auch persönliche und emotionale Gründe eine wichtige Rolle. Das Gefühl des Versagens bei unheilbarer Erkrankung, insbesondere wenn sinnvolle Therapiemöglichkeiten nicht mehr zur Verfügung stehen, wird von vielen Kolleginnen und Kollegen als sehr belastend empfunden. Diese Gespräche führen zu einer Konfrontation mit den eigenen Grenzen und der eigenen Sterblichkeit. In der medizinische Ausbildung spielt die Vorbereitung auf diese Aufgaben nur eine untergeordnete Rolle. Vorbilder, die hilfreich für einen offenen Umgang mit dem Lebensende sein könnten, fehlen.

Ehrlicherweise muss aber auch erwähnt werden, dass die Prognosen am Lebensende, wenn sie denn in Zahlen genannt werden, sehr unsicher sind. Hier konnte in Studien gezeigt werde, dass Ärzte die zeitliche Prognose ihrer Patienten in der Regel überschätzen (in einer Untersuchung um das 5-fache der tatsächlich verbleibenden Zeit). Auch dies führt dazu, dass Gespräche über die begrenzte Lebenserwartung, Therapiebegrenzung und Therapiezielwechsel zu spät geführt werden.

Wenn es um konkrete Zeitangaben geht, ist also Zurückhaltung geboten. Um so klarer können wir uns in der Regel aber zu den Krankheitsphasen, in den sich der Patient befindet, äußern. Nach den ersten Untersuchungen wissen wir in der Regel, ob ein Patient eine Heilungschance besitzt. Und wir wissen bei den sogenannten soliden Tumoren (z.B. Brust- , Lungen- , Darmkrebs) recht genau, wann eine palliative Situation vorliegt. Dann kann das Ziel nicht mehr Heilung, sondern  Verbesserung der Lebensqualität und ggf. Verlängerung der Überlebenszeit sein. Auch das Einsetzen der Sterbephase kann von erfahrenen Ärzten und Pflegenden recht sicher beurteilt werden.

Diese Form des Prognostizierens praktizieren wir tagtäglich. Ohne diese Prognosen wäre eine sinnvolle Therapieplanung nicht möglich. Aber auch in diesem Bereich gelingt die Kommunikation zwischen Behandelnden und Patienten nicht in jedem Fall. Etwa 30% der Betroffenen sind trotz zum Teil intensiver therapeutischer Maßnahmen nicht ausreichend über die Krankheitsphase, in der sie sich befinden, aufgeklärt. Die überwältigende Mehrheit der Patienten, auch das konnte in zahlreichen Studien nachgewiesen werden, wünscht sich eine offene Kommunikation nicht nur über Diagnose und Therapie sondern auch über die Prognose im Rahmen ihrer konkreten Erkrankung.

Eine rechtzeitig Kommunikation über diese Themen ist wichtig, um am Ende des Lebens selbst entscheiden zu können:

  • was letztlich therapeutisch noch Sinn macht
  • wie die kostbare letzte Lebenszeit gestaltet werden soll
  • von wem man begleitet werden will
  • wo  und wie man sterben möchte.

Die Erfahrungen der Hospizarbeit und der Palliativmedizin zeigen, dass diese offene Kommunikation im geschützten Rahmen einer tragfähigen Beziehung zwischen Arzt und Patient möglich ist. Ärzte brauchen hierzu Kenntnisse über emotionale Reaktionen, Kompetenz in Kommunikation, Zeit und Geduld. Die autonome Entscheidung der betroffenen Menschen wird dadurch ermöglicht und belastende und unnötig medizinische Behandlungen am Ende des Lebens vermieden. Dieser wichtigen Aufgabe sollten wir Ärzte uns nicht verschließen!

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