Methadon: neue Wunderdroge in der Krebstherapie?

Nach einem Bericht des Magazins plusminus vom 12.04.2017 überschlagen sich die Berichte über den experimentellen Einsatz von Methadon zur Krebstherapie. Von an Wunder grenzende Heilungen, von Ärzten, die diese Therapie ihren Patienten verweigern und von der Pharmaindustrie, die an der Durchführung von Studien mit Methadon kein Interesse hat, ist die Rede. Im folgenden möchte ich versuchen, einige Fakten zu erläutern.

Was ist und wie wirkt Methadon?

Das Medikament ist schon lange bekannt. Es wurde erstmals 1937 von Wissenschaftlern der Höchster Farbwerke synthetisiert und wird seit 1947 als Schmerzmittel eingesetzt. Es gehört zur Gruppe der starken Opiate und hat in der Schmerztherapie ähnliche Wirkungen wie z.B. Morphin.

Methadon wird von erfahrenen Ärzten in der Schmerztherapie dann eingesetzt, wenn andere Opiate nicht ausreichend wirken. Häufig kommt hierbei auch L-Polamidon, die links drehende Substanz des Methadons zum Einsatz. Ein weiterer Einsatzbereich von Methadon und L-Polamidon liegt in der Substitutionstherapie bei opiatabhängigen Suchtpatienten.

Auf welchen Forschungsergebnissen beruhen die Berichte?

Im plusminus-Beitrag wurde über die Ulmer Ärztin Claudia Friesen berichtet, die die Wirkungen von Methadon auf Tumorzellen im Labor untersucht hat. Hierbei kamen in Nährmedien gezüchtete Krebszellen von Hirntumorpatienten (Glioblastom) und Leukämiezellen zum Einsatz. In einem zweiten Ansatz wurden Versuche an Mäusen durchgeführt, denen diese Tumorzellen implantiert worden waren. Dabei konnten verschiedene Wirkungen von Methadon auf Krebszellen festgestellt werden.

Methadon war in der Lage, bei Tumorzellen, die resistent gegen Chemotherapie geworden waren, diese Resistenz durchbrechen. Durch die gleichzeitige Behandlung mit Methadon und einem Chemotherapeutikum  konnten diese Zellen, die zuvor nicht auf die Chemotherapie angesprochen hatten, im Laborversuch abgetötet werden. Daneben besitzt Methadon selbst die Fähigkeit, die Anzahl von Tumorzellen im Laborexperiment zu verringern. Diese Wirksamkeit konnte in den Versuchen mit Mäusen bestätigt werden.

Gibt es Studien an Patienten zur Wirksamkeit von Methadon gegen Krebs?

Es gibt bisher keine Studien, die die Wirksamkeit von Methadon als Krebstherapie beim Menschen belegen. In einer Studie an Hirntumorpatienten konnte gezeigt werden, dass bei fachgerechtem Einsatz von Methadon zusätzlich zur üblichen Tumortherapie keine vermehrten Nebenwirkungen auftraten. Untersucht wurden allerdings nur 27 Patienten. Eine Kontrollgruppe, mit Patienten die kein Methadon bekamen, gab es in der Studie nicht. Eine direkte Vergleichsgruppe, wie dies heute für aussagekräftige Studien gefordert wird, gab es nicht. Eindeutige Hinweise auf eine Verlängerung der Überlebenszeit durch Methadon fanden sich ebenfalls nicht.

In einer weiteren Studie wurden Tumorpatienten unter Schmerztherapie verglichen. Es handelte sich dabei um Patienten mit einer unzureichenden Schmerztherapie die deshalb auf ein neues Medikament eingestellt werden mussten. Eine Gruppe der Patienten erhielt Methadon, die andere Gruppe ein anderes Opiat. Beim Vergleich der Überlebenszeiten zeigte sich in beiden Gruppen kein Unterschied.

Worauf beruhen die bisherigen Erfahrungen?

Der Arzt Hugo Hielscher wird im Beitrag ebenfalls zitiert. Er setzt Methadon bei Schmerzpatienten im Hospiz ein. Nach seiner Erfahrung überleben die Patienten unter seiner Behandlung im Schnitt 14 Tage länger als Patienten in anderen Hospizen. Eine konkrete Untersuchung mit vergleichbaren Zahlen aus verschiedenen Hospizen gibt es dazu meines Wissens bisher nicht. Patienten mit Therapieversagen oder schlechtem Allgemeinzustand, bei denen die aktive Tumortherapie rechtzeitig beendet wird, erholen sich im Hospiz oft noch einmal sehr gut.  Diese haben dann nicht selten eine längere Überlebenszeit – auch ohne Methadon. Hierüber habe ich im Blog bereits früher berichtet.

Welche Nebenwirkungen hat die Therapie?

Aufgrund der langen Halbwertszeit verbleibt das Methadon lange im Körper und kann sich dort anreichern. Auch nach 2 – 3 Wochen kann es deshalb noch zu vermehrten Nebenwirkungen kommen. Dazu zählen Nebenwirkungen, die bei allen Opiaten auftreten können wie Übelkeit, Verstopfung, vorübergehende Müdigkeit und bei Überdosierungen auch Atemdepression. Darunter versteht man eine Dämpfung des Atemantriebs, die letztlich durch Sauerstoffmangel tödlich wirken kann.

Eine weitere Methadon-spezifische Nebenwirkung ist das Auftreten von z.T. ebenfalls tödlichen Herzrhythmusstörungen. Die erste Einstellung auf Methadon sollte wegen der möglichen Komplikationen immer im Krankenhaus durch einen erfahrenen Arzt erfolgen. Im deutschen Ärzteblatt wurden aktuell drei Patienten mit lebensbedrohlichen Komplikationen unter einer experimentellen Therapie mit Methadon beschrieben. Eine Patientin ist daran verstorben.

Gibt es einen Rechtsanspruch für die Therapie mit Methadon als Krebstherapie?

Patienten haben grundsätzlich einen Anspruch auf eine Therapie nach etablierten Standards. Eine Anspruch auf eine experimentelle Therapie besteht nicht. Methadon ist zur Krebstherapie nicht zugelassen und für die Zulassung reichen die bisherigen Untersuchungen nicht aus. Wenn ein Arzt mit einem Patienten eine solche experimentelle Therapie vereinbart, liegt das Risiko beim behandelnden Arzt und beim Patienten, der entsprechend aufgeklärt sein muss.

Warum gibt es bisher keine besseren Studien?

In der plusminus-Sendung wurde der Vorwurf an die pharmazeutische Industrie erhoben, sie sei mit verantwortlich dafür, dass es keine ausreichende Forschung zu diesem Thema gibt. Nun sind wir in der Tat bei der Erforschung neuer Medikamente auf die finanzielle Unterstützung der Pharmaindustrie angewiesen. Die wenigen öffentlichen Mittel, die dafür zur Verfügung stehen, sind bei weitem nicht ausreichend, um im größeren Umfang Neuerungen entwickeln zu können.

Die Pharmaindustrie ist natürlich in erster Linie an solchen Studien interessiert, die Chancen auf Markteinführung eines neuen Medikaments und einen entsprechenden Profit versprechen. Methadon ist als alt bekanntes Medikament schon lange auf dem Markt und im Vergleich zu anderen Medikamenten extrem billig, da der Patentschutz abgelaufen ist. Der Anreiz zu weiterführenden Studien ist somit für die Industrie gering. Diese Kritik, dass bei industriegesponserter Forschung nicht das Wohl der Patienten sondern der finanzielle Gewinn im Vordergrund steht, ist als durchaus nachvollziehbar.

Mediziner des Universitätsklinikums Heidelberg haben nun bei der Deutschen Krebshilfe einen Antrag zur Finanzierung weiterer Untersuchungen an Patienten gestellt. In 2 – 3 Jahren hoffen die Wissenschaftler Daten vorlegen zu können, die zumindest für diese Patientengruppe die Wirkung von Methadon nachweisen oder widerlegen können. Auch aufgrund des großen öffentlichen Interesses stehen die Chancen für diesen Finanzierungsantrag wohl nicht schlecht.

Fazit

Nach den bisher vorliegenden Daten kann eine Wirksamkeit von Methadon als Krebstherapie beim Menschen nicht belegt werden. Es gab in der Vergangenheit zahlreiche Substanzen, die in der theoretischen Forschung ähnlich überzeugende Wirkungen gezeigt haben wie das Methadon. Bei der Umsetzung in die Anwendung am Menschen sind aber viele dieser Substanzen letztlich auf der Strecke geblieben.  Am Menschen haben sie nicht die Wirksamkeit wie im Laborversuch gezeigt oder waren aufgrund von heftigen Nebenwirkungen nicht einsetzbar.
Zahlreiche Fachgesellschaften haben sich deshalb auch kritisch zum Bericht von plusminus und der dem Einsatz von Methadon als Krebsmittel ausgesprochen. Als ein Beispiel möchte ich die Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin zitieren:

Auf Grund der fehlenden Belege für eine antiproliferative Wirkung von D,L-Methadon beim Menschen, der ausgeprägten interindividuellen pharmakodynamischen und pharmakokinetischen Unterschiede und dem damit verbundenen Risiko für Nebenwirkungen raten wir von der Verwendung von D,L-Methadon zur Tumortherapie ab.

Letztlich hat der Bericht mit wissenschaftlich nicht zu überprüfenden Behauptungen sehr viele Hoffnungen bei schwer kranken Patienten geweckt. Der hier entstandene Hype lässt sich mit den Fakten nicht in Einklang bringen. Es ist zu befürchten, dass viele Patienten und ihre Angehörigen letztlich mit ihrer Hoffnung enttäuscht zurückbleiben.

 

Weitere Informationen:

Bericht im Ärzteblatt vom 21. August 2017
plusminus-Bericht in der Mediathek
Chemotherapie am Ende des Lebens – weniger ist oft mehr
Patientenwohl und Ökonomie im Konflikt
Perspektiven der Hoffnung

 

Bildnachweis:

Zerbor@fotolia.de

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