„ut aliquid fiat“

Dieser lateinische Ausdruck ist in der medizinischen Fachsprache fest etabliert. In einem medizinischen Wörterbuch findet man als Übersetzung und Erläuterung:

damit etwas geschehe, gleichgültige Verordnung bei abwartender Behandlung.

Wikipedia, die freie Enzyklopädie im Internet, wird da schon deutlicher, wenn es dort heißt:

Ärztesprache: von einer Therapie, die nur eingesetzt wird, weil man mit seinem Latein am Ende ist.

Gemeint sind damit diagnostische oder therapeutische Maßnahmen, die, obwohl medizinisch nicht mehr sinnvoll, dennoch durchgeführt werden, um in ausweglosen Situationen nicht völlig hilflos zu erscheinen. Die Ursachen sind vielfältig. Zum einen ist der Druck von Angehörigen und Patienten gegenüber behandelnden Ärzte oft groß, da nicht akzeptieren werden kann, dass ab einem bestimmten Punkt Krankheit, Sterben und Tod nicht mehr aufzuhalten sind. Hier wäre eine intensive Kommunikation mit allen Beteiligten notwendig, um Grenzen aufzeigen und annehmen zu können. In ihrer Ausbildung sind Ärzte aber darauf nicht vorbereitet worden. Auch Zeitprobleme und ökonomische Aspekte spielen zunehmend eine Rolle..

Was muss sich ändern, damit solche sinnlosen und belastenden Maßnahmen unterbleiben?

Die offene Auseinandersetzung mit dem Ende des Lebens wird von vielen Menschen als sehr belastend empfunden. Sinnloser therapeutischer Aktivismus kann auch dazu genutzt werden, unangenehme Emotionen abzuwehren und zu verdrängen. Die aufkommenden Gefühle von Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung aushalten und gemeinsam zu tragen — das ist für Ärzte, Patienten und Angehörige belastend und schwer.

Dabei könnten alle Beteiligten diese Grenzerfahrung als Chance Nutzen. Für Ärzte ergäbe sich die Chance, ihre Rolle neu zu definieren und zu ergänzen:

  • nicht mehr nur Experte sein zu müssen, der in emotionaler Distanz und wissenschaftlich begründet nach immer wieder neuem Behandlungsoptionen sucht, sondern der Begleiter, der in dieser Situation sein Expertentum zurückstellen und einfach nur da sein kann
  • nicht der Fachmann, der dem Patienten aufzeigen kann, welchen Weg er gehen muss, um der Situation zu entkommen, sondern der Helfer an der Seite des Patienten, der ihn darin unterstützt, seinen eigenen Weg zu finden, um die Situation annehmen zu können
  • nicht mit immer neuen medizinischen Vorschlägen auch die eigene Ängste abzuwehren und Verdrängung und Verleugnung zu fördern, sondern gerade in der Verzweiflung in Beziehung bleiben und Empathie zeigen zu können.

Auch für Patienten und Angehörige können solche Grenzerfahrungen noch einmal einen neuen Blick auf das Leben und das sich ankündigende Sterben ermöglichen.

„Wem es gelingt, die Angst vor dem Tod und dem Sterben nicht weg zu machen, sondern zu halten, dem wird diese Angst zu einem Signal mit der ihn begleitenden Frage, wofür er lebt.“ (1)

Untersuchungen zeigen, wie wichtig eine offene und konstante Beziehung zwischen Ärzten und Patienten in dieser Situation ist. Auf ärztlicher Seite wird Hoffnung oft verkürzt interpretiert als das Vorhandensein von weiteren Therapieoptionen. Für Patienten zeigt sich Hoffnung in der letzten Lebensphase am ehesten durch verlässliche und offene Beziehungen. Aufgehoben in einer ehrlichen und tragfähigen Beziehung kann das Unvermeidliche angeschaut und ausgehalten werden. So ergibt sich dann am Ende einer schweren Erkrankung noch einmal Möglichkeit, verbleibendes Leben bewusst zu gestalten und zu sich selbst zu finden.

(1) Klaus Dörner, Der gute Arzt. 2001

Foto: iStockphoto.com

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