Patientenwohl und Ökonomie im Konflikt

In einem Grundsatzpapier setzt sich die Bundesärztekammer mit dem Thema „Medizinische Indikationsstellung und Ökonomisierung“ auseinander. Unter dem zunehmenden wirtschaftlichen Druck besteht die Gefahr, dass Ärzte ihre Entscheidungen immer häufiger an öknomischen Kriterien der Erlösoptimierung und nicht mehr am Wohl des Patienten orientieren. In einem Interview mit dem Ärzteblatt erläutert Prof. Giovanni Maio, der massgeblich an der Formulierung des Papiers beteiligt war, die Hintergründe.

Die Indikationsstellung ist wesentlicher Teil der ärztlichen Arbeit. Auf der medizinisch-fachlichen Ebene prüft der Arzt zunächst, ob und welche diagnostische oder therapeutische Massnahmen sinnvoll sind. Dabei soll der aktuellen Stand der Wissenschaft berücksichtigt werden.  Aber auch die Individualität des einzelnen Patienten muss in die Entscheidung einbezogen werden, um für den Einzelnen einen optimalen Therapievorschlag entwickeln zu können. Letztlich entscheidet dann der Patient über die Zustimmung oder Ablehnung der von ärztlicher Seite vorgeschlagenen Massnahmen.

Ärztinnen und Ärzte haben eine ethische Verpflichtung gegenüber ihren Patientinnen und Patienten und dürfen in ihren Entscheidungen die Interessen Dritter nicht über die Interessen ihrer Patientinnen und Patienten stellen, so schreibt es die Berufsordnung für Ärzte vor.  Die Gefahr, dass dieses patientenorientierte Prinzip zunehmend ausgehöhlt wird und immer häufiger wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund treten, kann nicht mehr von der Hand gewiesen werden. In unserem Gesundheitssystem ist dies inzwischen ein alltägliches Problem.

Prof. Dr. Giovanni Maio äussert sich dazu im Interview:

Das Gravierendste an der Ökonomisierung der Medizin ist die stillschweigende innere Umpolung der Ärzte.

Gerade mit den DRGs wird ein Erlösdiktat über die Häuser verhängt, und damit wird die Orientierung der Ärzte am Wohl des Patienten zu einem Anliegen, auf das es primär nicht mehr ankommt, weil alles, was man tut, nicht mehr von der konkreten Bedeutung für den Patienten, sondern nur noch unter dem Gesichtspunkt der Verwertbarkeit betrachtet wird.

Im Grunde findet gegenwärtig eine Kapitalisierung der ärztlichen Tätigkeit mit dem impliziten Appell zur Übernahme einer ökonomischen Vorteilslogik statt, die sich à la longue gegen das Soziale wendet.

In diesem Zusammenhang werden auf die Gefahren, die von Anreizsystemen  zur Erlösoptimierung in Chefarztverträgen  und den damit verbundenen Tendenzen einer unnötigen Überdiagnostik und Übertherapie ausgehen, hingewiesen. In diesem Zusammenhang spricht die Bundesärztekammer von einer subtilen Täuschung der Patienten. Solche Praktiken – obwohl inzwischen wohl allgemein üblich – sind aus ethischer Sicht abzulehnen, da sie dem ärztlichen Berufsethos widersprechen.

Werden diese Fehlentwicklungen nicht korrigiert, wird die ärztliche Identität an entscheidender Stelle in Frage gestellt und das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten massiv gestört.

 

Weitere Informationen:

Das vollständige Interview im Ärzteblatt

Stellungnahme der Bundesärztekammer: „Medizinische Indikationsstellung und Ökonomisierung“

 

Foto: Oliver Lieber

2 Kommentare

  1. Nach meiner Wahrnehmung nach, beschreibt dieser Beitrag genau die IST-Situation und nicht die Folge fehlender ethischer Haltungen mancher Ärzte. Denn es ist bereits schon so. Ich erlebe dies seit einigen Jahren als Krankenschwester auf der Palliativstation. Für uns Pflegenden bedeutet dies oft einen ethischen Spagat zwischen unserer Fürsorge und dem Handeln mancher palliativen Ärzte.

    Auch wenn sich ein Arzt Palliativmediziner nennt, heißt dies keinesfalls dass er auch eine palliative Haltung gegenüber des Patienten zeigt und lebt. Dies zeigt ganz deutlich in der Gesprächshaltung und in der Wortwahl gegenüber des Patienten. Sie ist weder empathisch, noch richtet sich das Gespräch nach den Bedürfnissen des Patienten und all den Fragen, die eigentliche hinter alldem verborgen sind. Die Patienten werden durch das mächtige, zielgerichtete Auftreten mancher Ärzte regelrecht entmündigt – da sie in ihrer Hilflosigkeit gar nicht mehr anders reagieren können.

    Was vielen Ärzten vielleicht nicht bewusst ist, welche Macht ihre Worte und ihre Bewertungen auf die Patienten haben, und sollte es ihnen doch bewusst sein – ist es doppelt schlimm. Ich wünsche mir für alle Patienten, Ärzte mit Mut zu ihrer eigenen Endlichkeit, Mut zu menschlicher Nähe und Ärzte, die sich eher nach den Wünschen und Bedürfnissen der Patienten orientieren und nicht nach dem wirtschaftlichen Aspekt des Unternehmens. Unsere Patienten sind bereits schon die Opfer unseres Gesundheitssystems. Es ist eigentlich schon 5 nach 12 für ein Umdenken.

    1. Hier sind wohl (mindestens) zwei unterschiedliche Problembereich angesprochen. Der erste bezieht sich auf den Inhalt des Beitrags und den Konflikt zwischen Fürsorge und Ökonomie. Auch vor Palliativstationen macht die Ökonomisierung mit dem Zwang zu immer kürzeren Liegezeiten nicht mehr halt. Und Sterbebegleitung im Akkord – das geht nun mal nicht!

      Das zweite Problem bezieht sich auf das Selbstverständnis der Palliativmedizin. Aus hospizlichen Wurzeln entstanden, sollte der Mensch mit seinen Nöten und Wünschen im Vordergrund stehen. Mit dem Hineintragen hospizlichen und palliativen Gedankengutes in unsere Krankenhäuser wollten wir nicht nur eine neue Spezialdisziplin neben anderen etablieren. Wir wollten einen grundsätzlich anderen Umgang mit schwerkranken und sterbenden Menschen erreichen.

      Wir sehen in manchen Bereichen leider eine zunehmende Medikalisierung, d.h. eine Orientierung der Zielsetzungen in erster Linie an medizinischen Ergebnissen. Wenn die Bedürfnisse der Patienten im Vordergrund stehen sollen, muss die Medizin in den Hintergrund treten und hat hier allenfalls eine dienende Funktion.

      Die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit – da stimme ich zu – wäre für Ärzte ein hilfreicher Wegweiser.

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