Sterben durch Verzicht auf Essen und Trinken

In den Wochen vor Weihnachten durften wir einen älteren Herrn begleiten, der bei vielen von uns einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Er wurde zur palliativen Behandlung vom Onkologen auf die Palliativstation eingewiesen. Aufgrund eines Tumors in der Speiseröhre war es zu einem Verschluss gekommen, so dass der Patient auf natürlichem Wege keine Nahrung und Flüssigkeit mehr zu sich nehmen konnte. Es sollte eine Spiegelung der Speiseröhre vorgenommen werden mit dem Versuch die enge Stelle aufzudehnen und mit einem Stent zu stabilisieren. Dadurch wäre eine normale Ernährung wieder möglich gewesen.

Der Patient verhielt sich gegenüber den vom Onkologen vorgeschlagenen Untersuchungen sehr zögerlich. Die unheilbare Situation bei fortgeschrittener Krebserkrankung war ihm bewusst. In den ersten Gesprächen ging es um die Frage nach seinen eigenen Vorstellungen und Therapieziele und nach alternativen Behandlungsmöglichkeiten. Sehr schnell wurde klar, dass er keine weitere eingreifenden Maßnahmen wünschte. Die sich daraus ergebenden Konsequenzen wurden offen angesprochen. Letztlich entschied er sich dazu, durch den Verzicht auf jegliche Nahrung und Flüssigkeit ein rasches Sterben zuzulassen.
rauchen_kann_toedlich_sein-300x270In den ersten Tagen war seine Erleichterung, zu wissen, wohin der Weg führt und keine Belastungen durch Diagnose oder Therapie mehr ertragen zu müssen, deutlich spürbar. Dies wurde auch in den Gesprächen mit seiner Familie, die die Entscheidung gut mittragen konnte, deutlich. Er konnte Kleinigkeiten sehr bewusst genießen. Das Beisammensein mit seiner Frau, das Rauchen seiner geliebten Zigarillos im Freien, die Mundpflege mit kühlem Wasser und Eisstückchen aus eingefrorenen Säften zur Erleichterung des Durstgefühls zählten hierzu.

Im Verlauf trat dann eine zunehmende Schwäche auf und er realisierte, dass es nicht einfach ist, solch eine Verzichtsentscheidung konsequent durchzuhalten. Die Unterstützung durch die Familie und durch das Team, aber auch sein Wunsch, nicht mehr lange leben zu müssen, halfen ihm dabei, diesen Weg weiter zu gehen. Seine Schmerzen konnten durch ein Schmerzpflaster gut gelindert werden. Die letzte Phase seines Lebens war durch eine zunehmende Unruhe und Verwirrtheit gekennzeichnet. Diese Situation wird als Delir bezeichnet, welches u.a. durch die zunehmende Austrocknung des Körpers hervorgerufen werden kann. Durch Gabe von beruhigenden Medikamenten konnte wieder eine gute Situation erreicht werden. Das Durstgefühl konnte weiterhin durch die Mundpflege gut gelindert werden. Letztlich verstarb der Patient nach drei Wochen friedlich und ohne Beschwerden.

Einige Anmerkungen zu diesem Verlauf:

1. Der Verzicht auf Essen und Trinken ist eine mögliche und legitime Option, bei schwerer Erkrankung den Leidensprozess zu begrenzen. Dieser Weg erfordert aber Konsequenz und Willenskraft. Beides hat uns der Patient eindrücklich vorgelebt.

2. Möglich wurde die Entscheidung in diesem Fall durch das offene Gespräch über die alternativen Vorgehensweisen und die Berücksichtigung palliativmedizinischer Optionen, die den Patienten in unserem Gesundheitssystem oft zu spät angeboten werden. Die schulmedizinische Onkologie arbeitet in solchen Situationen überwiegend somatisch, d.h. von den körperlichen Beschwerden ausgehend, und problem- und handlungsorientiert. In der Palliativmedizin steht die ganzheitliche Sicht im Vordergrund. Wir stellen uns zunächst die Frage, was ist dass für ein Mensch, der in der konkreten Situation zu uns kommt, wie hat er sein Leben gelebt, was ist ihm wichtig und was möchte er mit der verbleibenden Lebenszeit noch erreichen. Dass sich daraus andere Therapieziele ergeben können, liegt auf der Hand.

3. Es ist kein kurzer Sterbeprozess, auf den man sich mit einer solchen Entscheidung einlässt. Viele Menschen, die sich erstmals mit dem Thema beschäftigen, würden einen Verlauf von wenigen Tagen erwarten. Nach einer Untersuchung an zahlreichen Patienten, die diesen Weg gegangen sind, waren nach 2 Wochen noch 15 % der Patienten am Leben.

4. Mit einer guten Begleitung und Behandlung können die Betroffenen dann aber friedlich und ohne Beschwerden sterben, was auch in der genannten Untersuchung gut gezeigt werden konnte. Hierzu sollte eine palliativmedizinische Betreuung, die auch die Begleitung der Angehörigen umfasst, erfolgen.

5. Aus ethischer Sicht ergeben sich hier nach meiner Meinung keine Probleme. Der Patient war klar bei Verstand und einsichtsfähig, was die anstehenden Entscheidungen betraf. Die Durchführung der geplanten Maßnahmen konnten als medizinische Eingriffe nur mit Zustimmung des Patienten erfolgen. Diese wurde hier nicht erteilt. Die palliativmedizinischen Maßnahmen dienten zur Symptomkontrolle und haben den Sterbeprozess nicht beschleunigt.

Literatur:

Ganzini L. et al.:
Nurses‘ experiences with hospice patients who refuse food and fluids to hasten death.
N Engl J Med 2003 (349) 359-65

Kaiser H.:
Essen und Trinken am Lebensende
Gütersloh 2012
Download

AG Ethik in der Pflege
Essen und Trinken im Alter
Mehr als Ernährung und Flüssigkeitsversorgung
Cornelsen Verlag 2010

 

Bildnachweis: © maglara@Fotolia.com

 

5 Kommentare

  1. Sehr geehrter Dr. Kaiser,

    ich bin sehr dankbar für diesen Artikel. Sie stützen meine Beobachtungen/Erfahrungen in der Hospizarbeit (Seniorenheim).
    Gegenteilig mußte ich jedoch auch schon erleben, dass durch das Legen einer Sonde (IC) in der finalen Sterbephase, der Sterbeprozeß über Gebühr hinausgezögert wurde. Das ist eine große Qual sowohl für den/die Betroffenen, als auch für die Begeleiter, auch wenn es in der guten Absicht geschah, um dem Durst entgegenzuwirken oder das Austrocknen zu vermeiden.
    Aber, gehört es nicht zum Sterben dazu, dass der Körper alle Funktionen zurückschraubt und schließlich ganz einstellt ?
    Daher halte ich es für sehr wichtig, die eigenen Absichten in einer Patientenverfügung sehr detailiert darzustellen und möglichst auch dem Arzt/Pflegepersonal mitzuteilen.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Hannelore Kierse

    1. Sehr geehrte Frau Kierse,

      in der Sterbephase verbieten sich solche Maßnahmen , da sie dem Patienten nicht mehr nützen und damit medizinisch nicht mehr sinnvoll sind. Aber auch wenn der Patient noch nicht sterbend ist, dürfen wir solche Maßnahmen nicht durchführen, wenn sie dem Willen des Patienten zuwider laufen. Die Unsicherheit ist da in machen Institutionen unseres Gesundheitssystems doch noch recht groß.

      Mit freundlichen Grüßen
      Herbert Kaiser

  2. Lieber Herr Kaiser, dazu gibt es einen interessanten Dokumentarrfilm von der Medienanstalt Wuppertal: „Sterbefasten – Freiheit zum Tod“
    Ich habe mich etwas mit dem Thema beschäftigt und bei einigen Ethikern die Einstellung gelesen, dass diese Form des Verzichts auf Essen und Trinken um den eigenen Tod herbeizuführen, als eine Form des ass. Suizid bezeichnet wird. Wir haben dies in der Vergangenheit nicht oft , aber immer wieder erlebt, dass Menschen bewusst auf Essen und Trinken verzichten, um ihren Tod herbeizuführen bei unheilbarer Erkrankung.

    Herzlichen Gruß aus dem Hospiz Zuversicht, Beate Dirkschnieder

    1. Liebe Frau Dierkschnieder, der Patient hatte weitere medizinische Eingriffe abgelehnt, was letztlich mit der durch die Krankheit bedingten Komplikation zum Tode geführt hat und war dabei klar und einsichtsfähig. Hier von einem assistiertem Suizid zu sprechen, halte ich deshalb zumindest im vorliegenden Fall für nicht gerechtfertigt.

      Die von machen Ethikern verwendete Etikettierung solcher Fälle als suizidal halte ich nicht für hilfreich. Wenn der Patient eine freie Entscheidung für eine Therapiebegrenzung oder den freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken trifft und keine psychische Erkrankung vorliegt, haben wir natürlich eine Fürsorgepflicht, müssen aber letztlich die Entscheidung des Patienten respektieren. Juristisch besteht nach Meinung der Juristen dann auch in der Sterbephase keine Garantenpflicht, d.h. keine Verpflichtung zum Eingreifen. Einfache Lösungen gibt es nicht, es sind, aber das wissen Sie ja selber, immer Einzelfallentscheidungen.

      Herzlichen Gruß
      Herbert Kaiser

      1. Die Garantenpflicht bei einem freiverantwortlichen, nachhaltig geäußerten, aufgeklärten und verständlichen Suizidwunsch eines leidenssatten Menschen kann nicht heißen sich seinem Willen zu widersetzen, sondern ihn zu respektieren und wenn nötig leidlindernd zu begleiten.

        Die Begleitung eines freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit einen assistierten Suizid zu nennen ist grotesk. Es ist Sterbebegleitung im besten Sinne!

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