Wenn Patienten nicht mehr leben wollen …

Hospizarbeit und Palliativmedizin statt aktiver Euthanasie – so lautete eine programmatische Aussage, die immer wieder in der Diskussion um die Sterbehilfe vorgetragen wurde. Dahinter steckt die Beobachtung, dass einige Patientinnen und Patienten den Wunsch nach Sterbehilfe nicht mehr äußern, wenn sie eine gute Betreuung, Behandlung und Begleitung am Ende des Lebens erfahren können. Ähnliches gilt auch für die Diskussion um die Freigabe des ärztlich unterstützen Suizids. Dass dies aber nicht in allen Fällen zutrifft, erfahren die in der Hospiz- und Palliativarbeit Tätigen immer wieder. Ein Forscherteam aus Frankreich hat hierzu erstmals Zahlen in einer größeren Studie zusammengetragen. (1)

2010 wurden die Daten von 342 Palliativ-Organisationen ausgewertet. Es ging um die Bitte eines Patienten an den Arzt oder die Pflegekraft, das Sterben zu beschleunigen (to hasten death). Hierunter wurde die wiederholte Bitte eines Patienten nach ärztlich unterstütztem Suizid oder der wiederholte Wunsch, bei unerträglichem Leiden nicht weiter leben zu wollen verstanden. Insgesamt konnten 783 solcher Nachfragen dokumentiert werden. Alle Patienten erhielten dass Angebot einer palliativen Versorgung durch ein multidisziplinäres Team. Unerträglicher Schmerz war bei 3,7% der Patienten die Ursache der Nachfrage, während bei anderen Ernährungsprobleme (65 %), Probleme, sich bewegen zu können (54 %), Probleme mit Ausscheidungen (49 %) oder Kachexie (39 %) im Vordergrund standen.

Der Wunsch, schneller sterben zu können verschwand bei 28 % der Patienten im Verlauf der palliativen Behandlung, bei 37,4 % blieb der Wunsch trotz optimaler Versorgung bestehen, während bei 23,8 % der Betroffenen eine wechselnde Haltung zu beobachten war.

In der Diskussion um das Für und Wider der Legitimierung des assistierten Suizids werden zwei sozialethische Argumente immer wieder genannt. Das erste Argument bezieht sich auf die dem Sterbewunsch zugrunde liegende Bewertung des Leidens als unerträglich.

„Diese Wertung vollzieht sich sicher nicht unabhängig davon, wie viel an Bemühen und Anstrengungen die Menschen einer Gesellschaft unternehmen, ihre kranken, alten, sterbenden und behinderten Mitglieder menschenwürdig und und bedürfnisgerecht zu behandeln oder zu betreuen.“ (2)

Eine gute palliativmedizinische Betreuung und Linderung von Beschwerden sollte bei Patienten, die unerträgliches Leiden beklagen, selbstverständlich sein. Hier hat sich in den letzten Jahren vieles verbessert, wobei nach wie vor Lücken in der Versorgung existieren. Der Wunsch nach Beschleunigung des Sterbens blieb in der vorliegenden Studie bei gut einem Drittel der Patienten bestehen. An der Einschätzung der Situation als unerträglich änderte sich offenbar nichts. Wenn bei den untersuchten Patienten aber von einer guten Behandlung und Begleitung ausgegangen werden kann, bleibt die Frage, wie wir mit diesen Patienten umgehen können.

Hospiz und Palliativmedizin haben nicht für alle Patienten und alle Probleme am Ende des Lebens eine Antwort parat. Es gibt zahlreiche, individuell unterschiedliche Ursachen für den Wunsch nach Lebensverkürzung. Es sind nicht nur Beschwerden im körperlichen Bereich, sondern auch psychosozialen und spirituelle Probleme im Einzelfall anzuschauen, um den Ursachen auf den Grund gehen zu können.

Das zweite Argument bezieht sich auf die gesellschaftlichen Konsequenzen, die sich aus eine juristischen Freigabe des ärztlich assistierten Suizids oder der Tötung auf Verlangen ergeben könnten. Wenn diese Möglichkeiten erst einmal gegeben sind, könnte der soziale Druck auf die Betroffenen, solchen Maßnahmen zuzustimmen, erheblich zunehmen, so dass die Freiwilligkeit einer solchen Maßnahme in Frage gestellt werden muss. Immerhin geben viele Patienten in diesem Zusammenhang auch die Sorge, anderen zur Last fallen zu müssen, als einen Grund für den Wunsch nach schnellerem Sterben an. Dieses Argument muss man aus meiner Sicht sehr ernst nehmen.

Nicht jeder wird ein optimal symptomkontrolliertes Leiden unterstützt durch eine gute Begleitung als lebenswert erachten. Zu unterschiedlich sind in unser Gesellschaft die Auffassungen von einem guten Leben, insbesondere dann, wenn das Leben nicht in den gewünschten Bahnen verläuft. Am Beispiel einiger Prominenter war bereits vom sog. Life-Style-Suizid die Rede, der angesichts zu erwartender und noch gar nicht absehbarer zukünftiger Probleme und Beschwerden, einem Leben mit Einschränkungen vorzuziehen sei. Solche Menschen werden wir mit unseren hospizlichen Angeboten nicht erreichen.

Wir sind in unserer pluralistischen Gesellschaft von einem für alle tragfähigen Kompromiss noch weit entfernt. Die Bundesärztekammer hat in ihren Grundsätzen zur Sterbebegleitung 2011 eine meiner Meinung nach sinnvolle Abwägung getroffen.

„Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe. Diese Grundsätze sollen dem Arzt eine Orientierung geben, können ihm jedoch die eigene Verantwortung in der konkreten Situation nicht abnehmen. Alle Entscheidungen müssen unter Berücksichtigung der Umstände des Einzelfalls getroffen werden.“ (3)

Innerhalb der Ärzteschaft ist diese Empfehlung heftig umstritten. Die vorliegende Studie kann zumindest einige empirische Daten liefern, die in der anstehenden Diskussion hilfreich sein können.

 

Quellen:

(1) Ferrand, E. Et al.:
Evolution of requests to hasten death among patients managed by palliative care teams in France: a multicentre cross-sectional survey (DemandE).
Eur J Cancer, 2012, 48, 368-376

(2) Karl-H. Beine, Sehen Hören Schweigen, Lambertus-Verlag 1998

(3) Grundsätze der Bundesärztekammer zur Sterbebegleitung 2011
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