Natürlicher Wille und Patientenverfügung

Was tun im Konfliktfall?

Der Begriff des natürlichen Willens wird in ethischen Diskussionen häufig im Zusammenhang mit Patienten, die an einer fortgeschrittenen Demenz leiden, angeführt. Zwei unterschiedliche Situationen werden bei Menschen, die zu einer autonomen Willensbildung nicht mehr fähig sind, in diesem Zusammenhang diskutiert. Zum einen wird eine Verweigerungshaltung, z.B. wiederholte Abwehr der Nahrungszufuhr als ablehnende Willensäußerung, zum anderen soll erkennbare Lebensfreude bei fortgeschrittener Krankheit als Wille zum Leben interpretiert werden. Wenn das Verhalten des Patienten in der beschriebenen Form als natürlicher Wille interpretiert wird, kann es zum Konflikt mit einer Patientenverfügung kommen, die zu Zeiten verfasst wurde, in der der Patient entscheidungsfähig war.

Der natürliche Wille beschreibt die Absichten, Wünsche und Wertungen eines Menschen, der aufgrund einer Erkrankung zu einer freien Willensbildung nicht fähig ist. Der freie Wille setzt die Fähigkeit, Informationen bewerten, Entscheidungen nach den eigenen Wertvorstellungen und Präferenzen reflektieren zu können voraus. Dies ist bei Patienten in einem fortgeschrittenen Demenzstadium oft nicht mehr möglich.

Natürlicher Wille muss beachtet werden

Auch wenn der natürliche Wille nicht mit freien Willen gleichgesetzt werden kann, muss er bei ethischen Entscheidungen berücksichtigt werden. Lehnt z.B. ein Patient beharrlich die Gabe von Nahrung und Flüssigkeit ab, ist dies zunächst als Ausdruck seines Missempfindens zu akzeptieren. Eine Interpretation kann aber mehrdeutig sein – Ablehnung bestimmter Nahrungsmittel, Unwohlsein in der spezifischen Situation, Ablehnung der pflegenden Person, Probleme bei der Nahrungsaufnahme durch Entzündungen im Mund oder Schluckstörungen. Nicht immer ist hier eine eindeutige Klärung möglich. Wenn nun medizinisch notwendige Maßnahmen gegen den natürlichen Willen des Patienten umgesetzt werden müssen, bleibt im Rahmen des Fürsorgeprinzips die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der dann notwendigen Zwangsmaßnahmen, die im Einzelfall abzuwägen ist.

Liegt eine eindeutige Patientenverfügung vor, so muss diese als Entscheidungsgrundlage herangezogen werden. Ein Widerruf der Patientenverfügung ist zwar jederzeit mündlich oder auch nonverbal möglich, setzt aber voraus, „dass die Willensänderung hinreichend deutlich zum Ausdruck kommt“. (Begründung zur Änderung des Betreuungrechts 2009) Durch die Interpretationsnotwendigkeit des natürlichen Willens und seine Mehrdeutigkeit wird diese Deutlichkeit in der Regel nicht vorausgesetzt werden können.

Regelungen für die Patientenverfügung

Wer sich dieser Problematik bewusst ist, kann natürlich auch hierzu Regelungen in seiner Patientenverfügung vornehmen. In den Bausteinen des Bundesjustizministeriums zur Patientenverfügung finden sich entsprechende Formulierungsvorschläge. Mit dem nachfolgenden Passus können Sie deutlich machen, dass der natürliche Wille nicht zum Widerruf der Patientenverfügung herangezogen werden darf.

„Wenn ich meine Patientenverfügung nicht widerrufen habe, wünsche ich nicht, dass mir in der konkreten Anwendungssituation eine Änderung meines Willens unterstellt wird.“

Möchten Sie diese Option für Entscheidungen am Lebensende aber offen halten, bietet sich die folgende Formulierung an:

„Wenn aber die behandelnden Ärztinnen und Ärzte/das Behandlungs-team/mein(e) Bevollmächtigte(r)/Betreuer(in) aufgrund meiner Gesten, Blicke oder anderen Äußerungen die Auffassung vertreten, dass ich entgegen den Festlegungen in meiner Patientenverfügung doch behandelt oder nicht behandelt werden möchte, dann ist möglichst im Konsens aller Beteiligten zu ermitteln, ob die Festlegungen in meiner Patientenverfügung noch meinem aktuellen Willen entsprechen.“

In diesem Fall macht es Sinn, die Personen zu benennen, die von Ärzten und Stellvertretern bei der Interpretation des natürlichen Willens mit in Entscheidungen einbezogen werden sollen.

 

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