Wieviel Menschlichkeit können wir uns noch leisten?

Zwischen Weihnachten und Neujahr hatte ich Hintergrunddienst im Palliativnetz. Als Palliativmediziner habe ich einige  Patienten zu Hause besucht, die unter erheblichen Beschwerden litten. Auf Anfrage der Hausärzte kann in solchen Fällen der Palliativmediziner im Hintergrunddienst beratend hinzugezogen werden.

Dabei habe ich fünf Patienten gesehen, die kurz vor den Feiertagen nicht auf eigenen Wunsch sondern auf Drängen der Kliniken entlassen wurden. In vier Fällen war absehbar, dass dies zu einer erheblichen Belastung der Familie führen würde. Ein Patient ist einige Stunden nach meinem Besuch friedlich zu Hause verstorben. Die Beschwerden in der letzten Lebensphase konnten gut gelindert werden. Für die begleitenden Familienmitglieder war dieses friedliche Sterben bei aller Traurigkeit eine gute Erfahrung.

Die anderen Patienten konnten letztlich nicht zu Hause bleiben. Zwei Patienten wurden kurzfristig erneut stationär eingewiesen, zwei Patienten im Hospiz aufgenommen. Alle Patienten sind nach wenige Tagen verstorben. In der kurzen verbliebenen Lebenszeit hätte man den Patienten und ihren Angehörigen viel Leid, unnötige Transporte und viele Sorgen ersparen können, wenn man dem Wunsch der Betroffenen auf Verbleib im Krankenhaus entsprochen hätte.

Es handelt sich hierbei primär nicht um das Fehlverhalten einzelner Krankenhäuser, sondern um strukturelle Defizite in unserem Gesundheitssystem. Durch das Entgeltsystem, das die Aufwendungen im Krankenhaus über Fallpauschalen abbildet, ist die Versorgung schwer kranker und sterbender Patienten für die Kliniken ein finanzielles Problem geworden. Da die Fallpauschalen unabhängig von der Länge des Aufenthaltes berechnet werden, sind viele Kliniken gezwungen die Liegezeiten in den einzelnen Abteilungen drastisch zu senken. Hierdurch reduziert sich der Aufwand für den einzelnen Patienten und es können in kürzerer Zeit mehr Patienten behandelt werden. Nur so können Kliniken heute noch schwarze Zahlen in ihrer Bilanz erreichen.

Die  Behandlung und Betreuung von schwer kranken Menschen bis zuletzt wir dadurch zu einem unkalkulierbaren betriebswirtschaftlichen Risiko. Das hierbei Menschlichkeit, Empathie und die Sorge um den kranken Menschen auf der Strecke bleiben, ist für Mitarbeiter, Angehörige und Patienten im Alltag unseres Gesundheitssystem täglich erlebbar.

Die genannten Haltungen von Humanität und Fürsorge sind aber identitätsbildend für Ärzte und Pflegende. So bleibt die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitswesens nicht ohne Folgen. Wir erleben hier zur Zeit eine „Abstimmung mit den Füßen“. Viele Kolleginnen und Kollegen wollen diesen Weg nicht mehr akzeptieren und so wird es immer schwieriger, Menschen zu finden, die sich in unserem Gesundheitssystem engagieren wollen – mit fatalen Folgen nicht nur für schwer kranke und sterbende Menschen.

Bernard Lown, einer der international angesehensten Kardiologen, hat diese Entwicklung in seinem Buch „Die verlorene Kunst des Heilens“ treffend beschrieben:

Willkürliche Bestimmungen, deren Befolgung von einer ins Kraut schießenden Bürokratie von Technokraten überwacht wird, durchdringen heute einen jeden Bereich klinischer Zuständigkeiten, handele es sich nun um die Verschreibung von Medikamenten, die Notwendigkeit, den Patienten an einen Spezialisten zu überweisen, die Dringlichkeit eines Besuchs in einer Notfallambulanz oder die Zweckmäßigkeit einer Hospitalisierung.

Das gegenwärtige System einer so genannten ‚gemanagten‘ Gesundheitsfürsorge … beraubt nicht nur Ärzte ihrer beruflichen Zuständigkeit, sondern auch – und das ist noch viel schlimmer – die Patienten ihrer Persönlichkeit.

Gerade schwer kranke und sterbende Patienten sind diesem System, wie die tägliche Praxis zeigt, hilflos ausgeliefert. Sie werden in Zukunft mehr denn je eine Lobby benötigen, die diesen unmenschlichen Entwicklungen, die wir trotz aller Förderung von Hospiz und Palliativmedizin in unserem Gesundheitssystem sehen, entgegen treten kann.

Eine eigenständige, starke Hospizbewegung darf nicht nur als Anhängsel von professionellen Palliativnetzen und Pflegediensten gesehen werden. Wenn sie sich wie in ihren Anfangszeiten als ehrenamtliche Bürgerbewegung versteht, die als Protestbewegung zum Fürsprecher unserer Patienten wird, gibt es noch viel zu tun. Trotz der Etablierung professioneller palliativer Strukturen wird die Hospizbewegung nicht, wie manche Autoren meinen, durch ihren eigenen Erfolg überflüssig.

Wenn man die Entwicklungen in unserem Gesundheitssystem betrachtet,  steht uns noch viel Arbeit bevor.
Back to the roots!

 

 

Lown, Bernard:
Die verlorene Kunst des Heilens.
Schattauer Verlag 2007

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Bildnachweis: iStockphoto

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