Warum uns der Medizinbetrieb krank macht

Sonia Mikich, Chefredakteurin des Westdeutschen Rundfunks und in den Jahren 2002 bis 2011 Moderatorin des Politmagazins MONITOR hat ein Buch geschrieben, dass vielen im Gesundheitssystem tätigen Menschen, aber auch so manchem erfahrenen und leidgeprüften Patienten aus der Seele sprechen wird.

Die Autorin hat eigenen Erfahrungen mit dem Kliniksbetrieb machen müssen und schildert ihre Erlebnisse in einer sehr offenen und persönlichen Art und Weise zu Beginn des Buches. Diese Erfahrungen ergaben letztlich den Anstoß  zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Missständen in den stationären Bereichen unseres Gesundheitssystems.

Von der Produktionsstätte Krankenhaus ist da die Rede, in dem nicht mehr die humane Versorgung kranker Menschen sondern die Profitmaximierung im Mittelpunkt des Handelns steht. Über sittenwidrige Bonusverträge für Chefärzte wird berichtet, die durch solche Vertragsbedingungen zu immer neuen Umsatzsteigerungen motiviert werden sollen. Zu Wort kommen Aussteiger, die ihre berufliche Identität als Ärzte oder Pflegende nicht verleugnen wollen und in diesem System für eine patientenorientierte Medizin keinen Raum mehr finden. Für Laien verständlich wird das DRG-System erläutert, nach dem die Kliniken mit den Kostenträgern abrechnen – ein System, das Leistung im Krankenhaus transparent abbilden und Kosten sparen sollte, letztlich aber vor allem neue, falsche finanzielle Anreize setzt.

Bei aller Kritik werden auch die Bemühungen von Pflegenden und Ärzten gewürdigt, die unter diesen untragbaren Bedingungen versuchen, trotz allem den Bedürfnissen der Patienten und ihren eigenen Ansprüchen in Bezug auf eine Humanmedizin, die diesen Namen verdient, gerecht zu werden und dabei immer wieder an unüberwindbare Grenzen stoßen.

Der Druck steigt – Änderungen sind nicht in Sicht

Das Buch kann schon Angst machen, wenn man sich als Patient in diesem System befindet oder sich vorstellt, dies irgendwann einmal erleben zu müssen. Aber wenn sich etwas ändern soll in unserem Gesundheitssystem, so können wir im Augenblick nicht – das zeigt das Buch sehr deutlich – auf Veränderungen aus dem System heraus hoffen. Der Druck auf alle beteiligten Akteure steigt von Tag zu Tag und es erstaunt daher auch nicht, wie häufig die zitierten Interviewpartner anonym bleiben wollen.

Patienten haben unter diesen Bedingungen keine gute Lobby mehr. Nur wer sich rechtzeitig informiert, kann im Ernstfall sein Recht auf Autonomie, Fürsorge und Humanität einfordern. Das Buch vermittelt Hintergrundwissen und wichtige Informationen, die den Medizinbetrieb transparenter werden lassen. Es stellt eine gelungene Zusammenschau aus persönlichen Erfahrungsberichten, gut recherchierten Fakten und politischer Streitschrift da.

 

Sonia Mikich, Warum uns der Medizinbetrieb krank macht.
btb-Verlag 2014
ISBN 978-3-442-74870-9

 

 

Weitere Informationen:

Krankenhäuser zwischen Medizin und Ökonomie. Deutsches Ärzteblatt 7.11.2014

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