Dem Leben trauen

Heute möchte ich Ihnen eines meiner Lieblingsbücher vorstellen. Die Autorin Rachel Naomi Remen ist Kinderärztin, Psychoonkologin und Leiterin eines Krebshilfezentrums in Kalifornien. Der Titel des Buches lautet “Dem Leben trauen“. Schöner finde ich den Titel der englischen Ausgabe „Kitchen Table Wisdom“, frei übersetzt mit „Weisheiten, die man am Küchentisch erzählt“.

In ihrem Buch erzählt sie Geschichten. Geschichten über Krankheiten, ihre eigene Erkrankung und ihr eigenes Leben, Geschichten ihrer Patientinnen und Patienten, die sie in jahrelanger Arbeit begleitet hat,  Weisheitsgeschichten, die ihr auf ihrem Lebensweg begegnet sind. Eine Geschichte aus ihrer Kinderzeit hat mich besonders berührt – einfach erzählt aber voller Lebensklugheit.

Als kleines Kind gab es im Wohnzimmer ihrer Familie einen Tisch, auf dem ständig ein großes Puzzlespiel lag. Alle Familienmitglieder, aber auch Freunde, die zu Besuch kamen, beteiligten sich an dem Spiel, bis wieder ein neues Bild zusammengesetzt war. Als kleines Kind war die Autorin eines Morgens allein im Wohnzimmer und betrachtete die Puzzlesteine. Ihre Eltern hatten ihr das Spiel nicht erklärt, da sie wohl meinten sie sei noch zu klein dafür. Es gab schöne, bunte Puzzleteile, aber auch hässliche, dunkle Teile, die dem kleine Kind Angst einflößten. So versteckte es diese bedrohlichen Teile hinter einem Sofakissen. Ihre Eltern brauchten sehr viel Zeit und so richtig wollte es mit dem Bild nicht vorangehen. Schließlich zählte ihre Mutter die Puzzleteile und bemerkte, das etliche fehlten. Nach dem das Kind gestanden hatte, was mit den fehlenden Teilen geschehen war, konnte die Mutter das Puzzle beenden. Nur durch das Einfügen aller Steine, auch der „hässlichen“, ergab sich das Bild einer friedlichen Strandszene.

„Für das Spiel des Lebens brauchen wir alle Teilchen. Solange ich mein Leben nur in Teilen akzeptierte und den Rest ablehnte oder ignorierte konnte ich es auch nur bruchstückhaft wahrnehmen – entweder vom Rausch des Erfolges mitgerissen oder vom Schmerz über einen Verlust oder einen Misserfolg, den ich mit allen Mitteln vertuschen wollte, gepeinigt. Aber ebenso wie die dunklen Teilchen des Puzzles haben sich diese eher traurigen Ereignisse – so schmerzlich sie waren – als Teil von einem größeren Ganzen erwiesen. Was ich bei flüchtiger Betrachtung meinte verstecken zu müssen, sollte ich schließlich bis zum letzten Teilchen als Geschenk entgegen nehmen.“

Rachel Naomi Remen lässt uns teilhaben an ihren Erfahrungen und Weisheiten, die sie liebevoll in diesem Buch zusammengetragen hat. Man kann immer wieder mal einzelne Geschichten aus diesem Buch lesen, darüber nachdenken, die Worte wirken lassen. Möglicherweise geht es Ihnen aber wie mir und Sie legen es so schnell nicht mehr aus der Hand, weil es bis zur letzten Seite faszinierend bleibt.

Rachel Naomi Remen
Dem Leben trauen. Geschichten, die gut tun.
Arbor Verlag 2013

 

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