Was du nicht willst, dass man dir tu …

Ärzte behandeln ihre Patienten am Ende des Lebens oft nicht so, wie Patienten es sich gewünscht hätten und auch nicht so, wie Ärzte es  für sich selbst wünschen würden.

Zu diesem Ergebnis kommt eine amerikanische Studie, in der Ärzte nach ihren eigenen Behandlungswünschen am Ende des Lebens und nach ihren Einstellungen zu Patientenverfügungen im Umgang mit Patienten befragt wurden.  An der häufig ablehnenden Haltung zu Patientenverfügungen hat sich demnach in den letzten 25 Jahren nicht viel verändert.

Seit 1990 gibt es in den USA den Patient Self Determination Act, der den Umgang mit Advanced Directives – vergleichbar mit unseren Patientenverfügungen – regelt. Die Autoren hatten die Hypothese gewagt, dass die 23 Jahre lange Diskussion und die breite Akzeptanz dieser Regelungen in der Öffentlichkeit  zu einer positiveren Einstellung von Ärzten zu diesen Dokumenten geführt hätte. Der Vergleich beruhte auf einer Studie aus dem Jahr 1989, in der der gleiche Fragebogen wie in der neueren Studie zu Anwendung kam, um vergleichbare Daten ermitteln zu können. Die Ergebnisse waren enttäuschend. Noch viel Aufklärungs- und Schulungsarbeit sei notwendig, so die Autoren, um Ärzte zu einer positiveren Haltung und mehr Akzeptanz gegenüber den Wünschen ihrer Patienten zu bewegen.

Ärzte wünschen für sich selbst weniger aggressive Medizin und mehr Lebensqualität

Gleichzeitig wurden die Teilnehmer der Studie nach ihren eigenen Präferenzen für die Behandlung am Ende des Lebens befragt. Die Ergebnisse stehen im deutlichen Gegensatz zu dem, was diese Ärzte tagtäglich im Umgang mit ihren Patienten praktizieren. Mehr als 88 % der Befragten wünschten sich für das Ende ihres Lebens keine intensivmedizinische Behandlung, keine lebensverlängernden Maßnahmen und die vermehrte Orientierung an mehr Lebensqualität. Die Frage der Autoren ist berechtigt, wie dieser Widerspruch zu erklären ist.

„Was du nicht willst, das man dir tu‘,
das füg auch keinem andern zu.“

Auf diese sogenannte goldene Regel der praktischen Ethik spielt der Titel der Arbeit an ( do unto others…). Sie kommt für viele Patienten am Ende ihres Lebens nicht zur Anwendung. Die Gründe sind vielfältig. Weitere Untersuchungen zeigen, dass weniger die Patientenwünsche als die vorhanden Strukturen des Gesundheitssystems das Verhalten der Beteiligten bedingt. Die moderne biomedizinische Kultur ist nach wie vor geprägt durch eine positive Bewertung maximaler Interventionen am Lebensende trotz zweifelhafter Erfolge. Auch ökonomische Anreize, die ein maximales Tun honorieren und ein vorsorgendes Gespräch über Therapiebegrenzung und Beschränkung auf Linderung und Begleitung in keiner Weise belohnen, führen zu solchen Fehlentwicklungen.

Therapiezieländerung kommt oft zu spät

Ein weiterer Grund für dieses widersprüchliche Verhalten liegt in der ärztlichen Überschätzung der Prognose der Patienten. Dies ist durch zahlreiche Untersuchungen gut belegt. Die Einsicht in das nahe Ende des Patienten kommt dann oft sehr spät und führt zu einem medikalisierten, hochtechnisierten Sterben oder einer sehr späten Therapiebegrenzung und Zuweisung des Patienten in palliative oder hospizliche Begleitung. Die Fragmentierung der Versorgung am Lebensende auf zahlreiche einzelne Spezialdisziplinen trägt mit dazu bei, den Blick auf den Patienten in seiner Ganzheit und mit seinen persönlichen Wünschen und Vorstellungen zu verlieren.

Die Untersuchung bezieht sich auf das amerikanische Gesundheitssystem, das in vielen Belangen nicht mit unserem System vergleichbar ist. Eine neuere deutsche Studie kommt bezüglich der Bedeutung der Patientenverfügung aber zu ähnlichen Ergebnissen:

Vieles spricht dafür, dass die gesetzliche Verankerung von Patientenverfügungen aus dem Jahr 2009 … hieran in Deutschland ebenso wenig ändern wird wie seinerzeit der „Patient Self-Determination Act“ in den USA. (2)

Es bleibt noch viel zu tun, um der Autonomie am Ende des Lebens Geltung zu verschaffen. Dem Wohl des Patienten käme eine solche Umorientierung ebenfalls zu Gute, zeigen doch zahlreiche Studien die Ineffektivität der hochtechnisierten Medizin am Lebensende und die oft lebensverlängernde Wirkung der auf Lebensqualität ausgerichteten hospizlichen und palliative Begleitung.

 

Weitere Informationen:

(1) Periyakoil, V. S., Neri, E., Fong, A., Kraemer, H.
Do Unto Others: Doctors‘ Personal End-of-Life Resuscitation Preferences and Their Attitudes toward Advance Directives
PLOS ONE, 2014 (9)5

(2) in der Schmitten, J. Lex, K., Mellert, C. , Rothärmel, S., Wegscheider, K., Marckmann,G.
Patientenverfügungsprogramm: Implementierung in Senioreneinrichtungen
Eine inter-regional kontrollierte Interventionsstudie
Deutsches Ärzteblatt, 2014 (111)4: 50

 

 

Bildnachweis: pixabay.com

1 Kommentar

  1. Lieber Herr Kaiser, vielen Dank für den Hinweis auf diese Studie. Wir müssen viel mehr an unserem Verhältnis zum Tod arbeiten. Wie oft werden im Hospiz Menschen betreut, begleitet, versorgt wo die Linderung von Symptomen sich fast ausschließlich auf die Folgen der Therapie bezieht. Die eben die wertvolle letzte Lebenszeit in Krankenhäusern verbracht haben. die Möglichkeiten der palliativen Versorgung sollten viel früher greifen!
    Vielen Dank für Ihren Blog, herzlichen Gruß, Beate Dirkschnieder

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